Bildung in Leipzig - für ein Neues Albertinum
Was ehemalige Schüler hier beizutragen haben

Albert Kunze
Kleine Vorbemerkung
Albert Kunze (geboren am 4. September 1872 in Leipzig) kam von der 5. Klasse der 1. Bürgerschule am 2. April 1883 an
das König-Albert-Gymnasium und verließ es am 28. März 1890 in der Abgangsklasse Ib2. Weiteres zu seinen Zensuren etc.
ist im Schülerverzeichnis vermerkt.
Für die Publikation aus dem Verlag Rudolf Gleißenberg / Leipzig (Druck von Hartmann & Wolf, Leipzig C 1) sei vermerkt,
daß sie vermutlich noch aus den 1920er Jahren stammt. Auch wenn sich Sprache und Mundart etwas verändert haben, sei
nur darauf hingewiesen, daß heute das "j" als "sch" ausgesprochen wird.
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Sie haben den Wunsch geäußert, ich möchte Sie durch eine Reihe von Vorträgen bzw. Unterrichtsstunden in das Wesen der wirklichen und wahren,
d. h. der vom Volke gesprochenen sächsischen Sprache einführen!
Mit Freuden bin ich Ihrem Rufe gefolgt und erteile Ihnen
heute die erste Lektion .… Leggzjohn.
Wie Sie alle wissen, leben wir im Zeitalter der „1000 Worte“!
„Tausend Worte Englisch“, „Tausend Worte Französisch“, „Tausend Worte Spanisch“, „Tausend Worte der Liebe“ u. a.
m. haben bewiesen, daß sie die leichtfaßlichsten Methoden sind.
Ich bediene mich ebenfalls dieses Systems, um so mehr als - -
(Zuruf aus dem Publikum: „Nu fang’ schon an!“)
Ich komme Ihrem Wunsche nach, aber schon muß ich Sie auf den ersten Fehler aufmerksam machen,
es heißt nicht: „Fang’ schon an!“
Man sagt säggsch: „Haue hin!“
Also, ich „haue hin“ und beginne, und zwar mit den Worten über das Thema:
Der Mensch.
Der Mensch heißt lateinisch: homo sapiens.
Der Sachse heißt: homo saxophoniens.
Auch der Sachse wird als Säugling geboren. Es gibt kein eigentliches Wort für Säugling. Man hilft sich am besten mit dem Wort: Sängker,
obwohl es nicht als besonders poetisch gelten kann, wenn eine erfolgreiche Wöchnerin ihrem Gatten den ersehnten Stammhalter entgegenreicht mit den triumphierenden Worten:
„Nu gugge 'mal, Emil, was ich dr for ä schdramm ’ Sängker geborn hawwe . .“
Hat aber der kleine sächsische Junge, oder das kleine sächsische Mädchen die ersten Lebenswochen hinter sich, dann haben wir eine Fülle treffender Ausdrücke zur Verfügung:
ä Borbs, ä Borzl, änne Borbe, ä Beeboh, ä gleener Bohbl, ä Butz, ä Dreigähsehoch, ä Balj, ä Wärrjl, ä Säggser, ä Fängschdiggjn, ä Gärlijn, ä Gnärbs, ä Griewahdsch, änne Griefe, ä gleener Gaggr.
Kinder in der Mehrzahl: Worzlwärgindjaner, Wärmer.
Ein Blondkopf: ä Semmlgobb, ä Weißgraud.
Ein Rotkopf: ä Feiermelder.
Ein kleines, unartiges Kind: ä Wanst, ä Räbjn.
Ein kleines, komisches Kind: ä Radiesjn, änne butzje Nudel.
Mit dem 6. Lebensjahre kommt der kleine Sachse in die Schule und wird A-B-C-Schütze, sächsisch: ä Achdngruhdscher.
Schularbeiten heißen: Schullrzjn.
Kinderarbeit: änne Aßde, änne Schuffde.
Sitzt neben ihm ein kleiner Denunziant, so ist das: änne Bätze.
Ein Schüler, der etwas langsam in seinen Antworten ist, oder später überhaupt ein Mensch, der sich zu allem Zeit läßt, ist: änne Drahnduhbe, änne Drahnfunsel, ä alder Mährfriede, ä alder Mährsack, ä Mährij; weiblich: änne Mährsuse.
Merken Sie sich auch gleich an dieser Stelle das Wort: Mährde für ein langes und breites Gerede, ebenso das Wort: Märreddj, das dasselbe ausdrückt.
Für reden sagt man: schlawwrn, kwaddrn.
Für viel reden: ä Seich machn, ä Kwaddrij oder ä Märreddj serfiern.
Und nun prägen Sie sich weiter ein:
Ein Falschmacher: ä Gorgser.
Ein Uebereifriger: ä Gallfaggdr.
Eine Lausejunge: ä Rahwe.
Ein liederliches Mädchen: ä Lusch, ä Borschdwisch).
Ein Ungeschickter: ä Dabs, ä Bärlaadsch, ä Dorrgl.
Ein frecher Patron: ä Flähz, ä Runks, ä Gnohde, ä Lausereddj ä Rotzdoffel.
Ein Stromer: ä Lumij.
Ein langer Kerl: ä Luhlahdsch, ä langes Elend, ä langes I, ä langes Laßdr, ä langer Laban, ä langer Friede, ä langer Schlaags, ä langer Schloddj, ä alder, langer Doffl.
Ein kleiner Mensch: ä Baggnbärnmännijn, ä Gäßegeiljn, ä Schbäbbsl, ä Schnieblich, änne Gorge, ä Schdobblhobbsr, änne halwe Borzjohn, änne Zwägge.
Ein eingebildeter Mensch: ä Glabbsr, ä Glabbsmann, ä Glabbsrij, ä alwerner Bibbj, ä Armloch, ä alwerner Binsl, ä Schdiggjn Frost, ä Boomaffe, ä richdjr Dingrij.
Ein Flaneur: ä Amselhahn, ä Sieshahn, ä Bussierschdängl.
Interessiert sich der kleine Sachse bereits in der Schule für das andere Geschlecht, so ist es: ä Mädchnfisst; umgekehrt natürlich: ä Jungenfisst.
Für alte, unsympathische Damen haben wir die herrlichen Bezeichnungen: ä aldes Räff, änne alde Zibbe, ä aldes Reihweisen, ä aldes Runggunggl, ä alder Bähsn, ä aldes Raddngewidder, ä aldes Graubelweddr.
Eine dicke Frau: änne Schdrandganone, änne Dampfwalze.
Eine auffallend dürre Person: ä ausgegnaubeldes Gerschguchngesichde.
Ein weinerliches Weib: änne Nählhanne.
Ein Mädchen, das immer unnütz in das Zimmer kommt und wieder geht: änne Kwästrjule.
Ein Mädchen, das bei jeder unpassenden Gelegenheit lacht: änne Mäggrzieche, änne alde gawwriche Gwiedschbiggse.
Ein dummer Kerl: ä Riemschwein, ä Kwährarm, änne Rotznase, ä Schnaagnhascher.
Wir wollen uns jetzt zunächst einige wichtige Berufsnamen merken.
Ein Schutzmann: ä Uddze, änne Ille.
Ein Beerdigungsbeamter: ä Leichenheinrich.
Ein Bäcker: ä Deegaffe, ä Semmldechniggr, ä Glundscher, ä Schdrummbsohlnbaddaljr.
Ein Schneider: ä Zwärnbogg.
Ein Schuster: ä Bächhängsd.
Ein Kaufmann: ä Häringsbändjr.
Ein Promenadenarbeiter: ä Schibbndiddrij.
Ein Schienenreiniger: ä Ritzngizzlr.
Ein Gärtner: ä Distlfrobbr.
Ein Lehrer: ä Schdeisdrommler, ä Folgsbildhaur.
Ein Steinetreiber: ä Baumaderjahljndrannsbordehr.
Ein Schleusenräumer: ä Diefbaudechniggr.
Ein Schriftsteller: ä Fädrhängst.
Ein Büromensch: ä Säßlbubser.
Ein Fleischer: ä Schwardnvorschdadehde.
Ein Barbier: ä Schnuhdnfähjr, ä Risslbuzzr.
Ein Zahnarzt: ä Guschnklempnr, ä Guschnschustr.
Wir kommen nunmehr zu den Bezeichnungen
der einzelnen Körperteile. Notieren Sie, bitte!
Der Körper (spez. der Bauch): dr Wanst.
Der Kopf: dr Dähz, dr Nischl, dr Nibbs, dr Gärbs, dr Bähnrd, dä Bärne, dä Riewe, dä Dunsdgullr.
Der Mund: dä Glabbe, dä Gusche, dä Lawwe, dr Rand, dä Bäbbe.
Loses MauI: Dräggschleidr.
Schiefes Maul: Fläbbe.
Ein schiefes Maul ziehen: änne dumme Gusche zärrn.
Schmollender Mund: änne Mubblgusche.
Kleiner Mund: Fänggusche.
Großer Mund: Kwaddrahdschnauze.
Augen: Glozzen.
Kleine Augen: Bieboochen.
Große Augen: Gähsenäppe.
Ohren: Läffl.
Nase: Zingkn, Gorge, Leedgolm, Bohbldurm.
Arme: Aerme.
Füße: Laadschn, Flossn.
Hände: Fohdn.
Nacken: ’s Genigge, dr Gandhagn, ’s Schlaffiddjn, Gummbleisten.
Gesäß, mit der Betonung auf der ersten Silbe: Bobbo.
Nun wollen Sie sich vor allem folgende Zeitworte merken, damit Sie imstande sind, richtige sächsische Sätze zu bilden:
Sehen: illern.
Unnötig herumgucken: rumgaagn.
Zuhören: dä Läffl uffspärn.
Gehen: laadschn, loofn.
Ueber die große Zehe gehen: ongkln.
Uebermäßig schnell gehen: schramm, färschdrn, sausen, säbbeln.
Tanzen: schärwln.
Fallen: hinlärchn.
Nicht ruhig sitzen: rumrangkrn, gee Sitzefleesch hamm.
Eine Sache falschmachen: frbummfiedln.
Beleidigt sein: diggschn, muggschn.
Kränkeln: bimmbln.
Nicht mehr mitmachen (beim turnen oder marschieren): grähdsch machen.
Wütend werden: fuchdj wärn, rumfuddern.
Auffordern zum Gernhaben: Du gannst mich fimfern! Du gannst mich fättläggn!
Einen Schnitzer machen: in dä Aebbl haun.
Krank werden: sich was weghohln.
Sterben: sei Stärbjn machn.
Eine Zigarre anzünden: sich eene in dä Frässe rammeln.
Ich kann Sie natürlich in dieser ersten Stunde nur ganz wenig in die Geheimnisse der so überaus wohlklingenden sächsischen Sprache,
und somit auch der sächsischen Volksseele einweihen, für heute merken Sie sich noch folgendes:
Die Haare heißen sächsisch: dä Borschdn; weiblich: dä Zoddln; in der Suppe oder Zigarre gefunden aber nicht: ein Haar, sondern: änne Haare!
„Mich friert es“ heißt: „mich bäwwerds“; „ich habe kalte Füße“ aber: „mich frierts an dä Beene.“
Ein „verfluchter Kerl“ ist: ä Aas; mehrere „verfluchte Kerle“ aber sind nicht Aeser, sondern: Aeßdr.
Ich schließe meine erste Lektion der „1000 Worte Säggsch“ mit folgenden Vokabeln für
a) Bek1eidung.
Ein Strohhut: änne Buddrblume.
Ein steifer Hut: ä Bibi, ä Eiersiedr.
Ein alter Hut: ä Schiebl.
Ein Zylinder: ä Zinndr, änne Angstrehre, änne Rußmäzze, änne Goddsaggrladdärne.
Eine Mütze: ä Blahsr.
Ein Gehrock: ä Schwängkr, ä Fitzndiddschr.
Ein Frack: ä Schwalmschwanz.
Ein Kleid: änne Fahne.
Ein unansehnliches Kleid: ä Fähnjn.
Stiefeln: Gondln, Lahdschn.
Zu große Stiefeln: Kwadrahdlahdschn, Elbgähne.
Besonders spitze Schuhe: Schimmigorgn, Schbinahdstächr.
Elegante Frauenschuhe: Driddjn.
Derbe Straßenschuhe: Dräggdrähdr.
Löcher in den Strümpfen: Garrdoffln.
Strümpfe: Schdrimmbe, Schweesr.
Manschetten: Rellchn.
Selbstbinderartiges Fertigfabrikat: Schnellchn.
Gebrauchsgegenstände für das tägliche Leben.
Eine Uhr: änne Glabbr, änne Zwiwwl, ä Sehjr, änne Garrdoffl.
Ein Schirm: ä Bärrbeli, änne Musschbritze, änne boomwollne Minna, änne Giege, änne Gewiddrflinnde.
Eine Laterne: änne Laddichde, änne Ladduffde, änne Funzl.
Ein Messer: ä Foddj, ä Fuddj, änne Giege, ä Fummel.
Ein Bett: ä Nest, ä Gahn, änne Gondl, änne Flohkiste, änne Forzgabbsl.
Eine Markttasche: änne Marchdfigge.
Eine Fußbank: änne Hiddsche.
Ein kleiner Schlitten: änne Gähsehiddsche.
Ein Photoapparat: ä Affngastn.
Eine Pfeife: ä Rotzgochr, ä Wanznhammer.
Instrumente.
Eine Geige: änne Fiddl, ä Wimmerholz, ä Jammerholz.
Ein Klavier: änne Drahdgommohde.
Eine Mundharmonika: ä Gaagnhobel.
Eine Ziehharmonika: ä Arweiderglawier.
Ein Bandonion: ä Zärrwanst.
Speisen und Getränke.
Kaffee: Bliemchen, Lahdsch, Briehe, Schälchen Heeßen, Lorge.
Käse: Gähse.
Langer Käse: Leichnfingr.
Eine Zigarre: ä Sarchnagl.
Eine Zigarette: ä Schdähbjn, änne Rahmfleede.
Wollen Sie sich nun noch folgendes merken, damit Sie im Verkehr mit den Eingeborenen nicht in Verlegenheit kommen.
„Einen über den Durst trinken“ heißt: sich een ahnschmohrn, sich beduddln, een genähmijn, sich begimmeln, een dichtjn frässn, een schwäbbern, een hinder dä Binde gießn.
Geräuschvoll trinken: gullgsrn.
Sich beim Trinken beschmutzen: sich besawwrn.
Eintunken: diddschn.
Spaß ist Gaggj oder Feez.
Für Geld sagt man: Zastr, Moos, Bullfr, Schlamm.
Eine Ohrfeige ist: ä Baddsch.
Seine Geliebte: seine Gleene.
Ein Stübchen: ä Gäffdr, ä Gäbuff, änne Hornsje.
Uebel riechen: mäffn.
Ein Blütchen am Munde: änne Gaage an dr Gusche.
Ein geschlossener Wagen: änne zu-ichde Drodschge.
Hüben ist: dä hiemiqe Seide.
Drüben: dä driemije Seide.
Wenig regnen: niesln.
Stark regnen: gießn, dreeschen.
Geringfügigkeiten: Griemlgähse.
Allerhand Sachen: Glummbaddsch.
Jemand heuntermachen: een maadj machn.
Mich fröstelt es: mich schuwwrds.
Hier ist es schön warm: hier is’s awwr hibbsch schuwwrig.
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Ich komme zum Schluß meiner heutigen Ausführungen. Ich meine, Sie werden bis zur nächsten Stunde genügend Material zum lernen haben!
Es genügt aber nicht, wenn Sie nur die Vokabeln sich zu eigen machen, Sie müssen in den Geist der sächsischen Sprache eingeführt werden,
und dies wird die Aufgabe der zweiten Unterrichtsstunde sein! Ich verabschiede mich von Ihnen mit dem
sächsischen Nationalgruße:
Hadjeh!
aus der Sammlung Wieland Zumpe, Leipzig.
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